Kalusche, Martin
Erschienen bei Martin Kalusche in Hamburg
2. Auflage 2011 ▫ 520 S. ▫ 38,00 €
ISBN 978-3-00-035666-7
Verkaufsstart: 27.01.2012
Der Inhalt in Kürze
»Das Schloß an der Grenze« nannten sie es jetzt dort. An der Grenze zwischen Macht und Ohnmacht, zwischen Recht und Unrecht, zwischen Leben und Tod… In kritischer Auseinandersetzung mit einem idealisierenden Geschichtsbild stellt der Autor auf der Basis einer außergewöhnlich guten Quellenlage die Frage nach Kooperation und Konfrontation mit dem Nationalsozialismus in der Anstalt Stetten und beantwortet sie in drei Schritten.
Teil 1 der Studie gilt dem Alltag im Dritten Reich, wobei deutlich wird, dass sich die württembergische Einrichtung der Inneren Mission als integraler Bestandteil der NS-Volksgemeinschaft verstand. Der Schwerpunkt der Arbeit (Teil 2) liegt auf den nationalsozialistischen Verbrechen an Menschen mit Behinderungen in der Heil- und Pflegeanstalt. Während die Zwangssterilisierung mit tatkräftiger Unterstützung durch die Leitung vollzogen wurde, traf die »Vernichtung lebensunwerten Lebens« auf nicht geringen Widerstand. Dennoch wurden im Herbst 1940 323 Menschen mit Behinderungen Opfer der NS-Euthanasie in Grafeneck, die Anstalt selbst wurde beschlagnahmt. Weitere 11 ehemalige Heimbewohner wurden in den folgenden Jahren in Hadamar ermordet; unbekannt ist die Zahl der Menschen, die darüber hinaus der »dezentralen Euthanasie« zum Opfer fielen. Teil 3 versteht sich als ausführlicher Beitrag zur historischen Urteilsbildung. In ihm wird eingehend die Frage nach Widerstand und Schuld diskutiert, eine forschungsgeschichtlich bedeutende Schrift Ludwig Schlaichs aus dem Jahr 1947 gewürdigt sowie schließlich der Bogen zu bioethischen Herausforderungen der Gegenwart gespannt.
Über die regionalgeschichtliche Bedeutung für Diakonie und Kirche in Württemberg hinaus kommt dem »Schloß an der Grenze« eine Schlüsselrolle zu für das Verständnis der deutschen Inneren Mission im Nationalsozialismus.
Die Veröffentlichung des »Schloß an der Grenze« von Martin Kalusche vor 10 Jahren in der Diakonie Stetten hat zu einer vertieften Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte und dem Bild dieser Geschichte geführt.
Da diese erste Auflage seit geraumer Zeit vergriffen war, nahm Martin Kalusche den Impuls zur Neuauflage im Frühjahr 2010 gerne auf. In diesem Zusammenhang sind neue Erkenntnisse und Forschungsergebnisse hinzugekommen, die der Autor eingearbeitet hat.
Nach wie vor ist das Interesse an Aufklärung der damaligen Geschichte groß. Betroffenheit, Trauer und ernsthaftes Fragen nach den damaligen Geschehnissen erlebten wir sehr eindrücklich, als wir in Stetten im Herbst 2010 in einer Reihe von Gedenkveranstaltungen an die »Abholung« von 403 Menschen mit Behinderungen aus der damaligen Anstalt Stetten im grauen Bussen und ihrer darauf folgenden Ermordung in Grafeneck gedachten. Dieses Gedenken hat insbesondere auch bei einer ganzen Reihe von Angehörigen der damaligen Mordopfer zu einem neuen Nachfragen geführt.
Wenige sind es mittlerweile, die sich noch selbst erinnern können, denn 70 Jahre sind eine lange Zeit. Gleichwohl sind das Interesse und die Betroffenheit, manchmal auch erst in der übernächsten Generation, deutlich spürbar. Dabei geht es nicht um Schuldzuweisungen, es geht nicht darum, überheblich und selbstgerecht die Verantwortlichen der damaligen Zeit moralisch zu disqualifizieren. Gleichwohl müssen Weichenstellungen, Fehleinschätzungen und Verstrickungen erkannt und benannt werden, wenn wir die Lehren für unsere Gegenwart und Zukunft richtig ziehen wollen.
Im Gedenken 2010 haben wir vor allem die Opfer in den Mittelpunkt gestellt, haben versucht, die Menschen in den Blick zu nehmen, jeden einzelnen, mit jedem Namen die individuelle Lebensgeschichte zu verbinden, um damit dem namenlosen Grauen und der Anonymität der großen Opferzahlen einzelne konkrete Menschen mit ihren Schicksalen gegenüberzustellen. Wir wollten sie in den Blick nehmen und damit auch würdigen.
In Martin Kalusches Buch ist diese Perspektive von Anfang an deutlich wahrnehmbar. In der zweiten Auflage wurde die Schreibweise einiger Opfer korrigiert, neue Opfer wurden identifiziert. Eine Reihe von Bildern ist hinzugekommen, den Einzelschicksalen überlebender Bewohner wird nachgegangen. Das entspricht wissenschaftlicher Sorgfalt und erweist den Menschen Respekt, die eine sorgfältige und sorgsame Erinnerung verdient haben.
Ich wünsche der zweiten, überarbeiteten Auflage, dass auch sie Leser findet, die sich ansprechen lassen, weil sie wissen, dass aus der Vergangenheit nur derjenige lernen kann, der dazu auch bereit ist.
Ich wünsche uns in Stetten insgesamt, dass wir, auch angestoßen und informiert durch dieses Buch, erkennen, wo wir nicht wegsehen dürfen, dass wir den Mut haben, zu reden, wo wir reden müssen und zu handeln, wo wir handeln müssen – immer im Sinn der Würde und des Lebensrechtes jedes einzelnen Menschen.
Kernen i. R., im September 2011
Rainer Hinzen
Vorstandsvorsitzender der Diakonie Stetten